Sonntag, 20. Januar 2013

Neues aus Tokyosibirsk

Ich muss heute mal mit einen kleinen Exkurs in längst vergangene Zeiten starten. Als ich mit der besten Ehefrau, die ich je hatte, unseren Umzug geplant habe, saßen wir vor "der Liste", im Diplo-Sprech auch unter "Vakanzenliste für den gehobenen Dienst" bekannt.
Eine erste Durchsicht hatte mir schnell gezeigt, dass ich immer noch die meisten Hauptstädte der Welt kannte. Bei den wenigen, die ich nicht kannte, konnte ich einfach sagen "In Bamako gibt es bestimmt kein zuverlässiges Internet". Schon war ich fein raus, ich musste gar nicht grübeln, ob Bamako jetzt die Hauptstadt von Mali, Mauretanien oder Mazedonien ist.
Um den Wust an potentiellen Stationen zu strukturieren, habe ich viele Posten aussortiert. Und zwar sind in der ersten Runde gleich alle Posten rausgeflogen, in denen man entweder Französisch spricht oder in denen es regelmäßig schneit. Diese Sortierung macht durchaus Sinn, die Schnittmenge bildet nämlich nur Frankreich. Das ist also meine persönliche doppelte No-Go-Area, nach unserem Erlebnissen auf dem Flughafen Paris-CDG gilt das inzwischen auch fürs Umsteigen.

Dass in Tokyo kein Französisch gesprochen wird, dürfte allgemein bekannt sein, damit ist auch die hohe Lebensqualität in der Stadt erklärbar: Tokyo ist halt nicht wie Frankreich. Also ist Tokyo schön.

Tokyo wäre aber schöner, wenn es sich nicht ab und zu in Tokyosibirsk verwandeln würde.

Nämlich dann, wenn es plötzlich schneit. Und das hat es leider am letzten Montag sehr gründlich getan.
Beweisfotos? Bitte sehr:




Es hat pünktlich morgens angefangen, unglaublich stark zu schneien. Gemeiner, pappiger, nasser Schnee. Ich habe noch reflexmäßig versucht, das Schlimmste zu verhindern. Aber leider geht Schnee nicht weg, wenn man die Vorhänge zuzieht.
Am Ende des Tages hatte es 15 Zentimeter geschneit und meine Moral war ebenfalls unter den Gefrierpunkt abgesunken. - Wie kann es in einem Land, dass "Hello Kitty"-Nudeln, Sushi und Hybrid-Toyotas hervorgebracht hat, plötzlich in der Hauptstadt schneien? Schnee sollte für die Gegenden der Welt reserviert sein, in denen er nicht weiter stört. Oder in denen man Olympische Winterspiele abhält. Dort hat er sich durchaus bewährt.

Am späten Nachmittag hat der Hunger und die Neugier die beste Ehefrau, die ich je hatte, und mich nach draußen getrieben.
Was wir dort sahen, irritierte etwas.
Grundsätzlich ist Tokyo bei Schneefall wie Berlin bei Schnee. Erstmal bricht alles zusammen. Dann fahren dort keine Räumfahrzeuge.
Nach einer kurzen Schockphase besinnt man sich hier jedoch und macht genau das, was ein Engländer auch macht, wenn es auf seiner Insel schneit: Man zieht Schneeketten auf seine Sommerreifen und fährt dann damit durch den Schneematsch. Das macht man solange, bis die Straßen trocken sind... Dann fährt man weiter mit den Schneeketten auf der trockenen Strasse. Wie ein Engländer... Muss am Linksverkehr liegen.



















Da es statistisch aber nur einige wenige Tage im Jahr schneit, dieser Schnee dann auch nur selten liegenbleibt, besitzen japanische Hausbesitzer meist keine Schneeschaufeln. Die wenigsten Deutschen besitzen ja auch feinen Besen, um herangewehten Wüstensand von ihren Autos zu fegen.
Aber auch ohne Schneeschaufel sind unsere Nachbarn am nächsten Tag den lästigen Schnee vor ihrer Tür wieder losgeworden, sie haben ihn einfach fortgespült. Mit einem Wasserschlauch und viel Wasser... Wie gut, dass es zwar geschneit hat, aber nicht gefroren.

Inzwischen sind wir den Schnee wieder los, die meisten Autofahrer haben auch die Schneeketten von ihren Sommerreifen heruntergenommen. Oder sie sind ihnen einfach irgendwann gerissen.

Was bleibt, sind die vielen japanischen Mädchen, die mit Vornamen Yuki heißen, was soviel wie "Schneefall" bedeutet. Keine schöne Bedeutung, aber es klingt immerhin noch besser als Schantalle oder Nena-Shakira.

Ich weiß jetzt, dass es in Tokyo auch mal schneit. Trotzdem mag ich diese Stadt immer noch sehr.

Welche Wetterkapriolen uns noch erwarten, weiß ich nicht... Aber ich halte Euch auf dem Laufenden, wenn unsere Nachbarn ihren Gartenschlauch wieder für etwas benutzen, das ich ihnen nicht zugetraut hätte. Jedenfalls solange es jugendfrei ist. Versprochen.

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